Neue Keramik für das Mittelalterhaus

Nachdem wir uns im letzten Jahr damit beschäftigt hatten, ein laufendes Inventar des Mittelalterhauses in Nienover aufzunehmen, waren zur ursprünglichen Ausstattung einige Verluste festzustellen. In Absprache mit Frau Dr. Lönne, Kreisarchäologin des Landkreises Northeim, haben wir eine Liste mit Anschaffungsvorschlägen erarbeitet. Die hölzernen Gegenstände wurden seitens des Landkreises besorgt, für die fehlende Keramik durften wir als frischgebackene Paten im Auftrag eine Bestellung in der nahen Töpferei Klett in Fredelsloh aufgeben.

Am Anfang steht die Recherche

Nachbildung des Querschnitts durch eine der freigelegten Deponien.

Da die Stadtwüstung Nienover nach Fundlage ein sehr enges Zeitfenster aufweist und die Ausstattung in diese (und nicht unsere eigene Darstellungs-) Zeit passen muss, haben wir uns zunächst mit den Ergebnissen der lokalen Ausgrabungen auseinandergesetzt. Hierzu gibt es vor allem eine einschlägige Veröffentlichung sowie einen (sehr eingeschränkten) Onlinekatalog. Die in Nienover gefundenen Objekte haben unter anderem ihre Herkunft in dem ca. 30km nordöstlich gelegenen Töpferdorf Fredelsloh. Dieses ist auch Heimat des Töpfereimuseums „Keramik.um“, welches sich mit der Geschichte der Töpferei in der Region auseinandersetzt und seinen Fokus auf einen vergleichsweise großen Fundkomplex aus dem 13. Jahrhundert setzt. Dieser begründet sich vor allem darin, dass ein vollständiger, zum Teil noch bestückter Brennofen aus dieser Zeit freigelegt wurde und im Weiteren eine nahezu vollständige Töpferei aus dieser Zeit erhalten geblieben ist. Der Brennofen wurde rekonstruiert und wird auch für die Herstellung von Repliken verwendet. Dank erhaltener, sehr reichhaltiger Deponien, also „Abfallgruben“ für Fehlbrände und Ausschussware, ist ein erstaunlich großer Querschnitt durch die damals hergestellte Gebrauchskeramik erhalten geblieben. Diese Stücke bilden den Grundstock des Museums.

Wir machten also einen Termin mit Herrn Klett aus, der uns eine mehrstündige Führung durch das Keramik.um, die Werkstatt und die zahlreichen Rekonstruktionen und Rekonstruktionsversuche gab. All diese spannenden Informationen in Verbindung mit der schieren Anzahl der Ausstellungsstücke haben wir aufgesogen und versuchen, diese hier zumindest auf „Trinkstärke verdünnt“ wiederzugeben.

In Fredelsloh und Umgebung wird bereits seit guten 1000 Jahren Ton abgebaut und verarbeitet. Die Qualität der Tonvorkommen unterscheidet sich regional zum Teil sehr. Manchmal ist viel Eisen darin, wie in Fredelsloh, ein anderes Mal findet sich mehr Schwefel, wie in den Duinger Vorkommen. Insbesondere die Konsistenz des Fredelsloher Tons erlaubte ein sehr dünnes Drehen der Ware und dabei eine vergleichsweise hohe Brenntemperatur. Dies war das „Erfolgsrezept“ für die Fredelsloher Ware. Sie war leicht, dabei aber recht strapazierfähig und wurde somit im 13. Jahrhundert zu einem „Exportschlager“. Auf einer Karte des Ostseeraums ist eindrucksvoll aufgezeigt, dass Gefäße aus dem Solling sogar bis nach Wisby oder Tallinn gelangt sind.

Eine Karte der Handelsbeziehungen.

Weiße Ware/Schwarzbrand

Durch eine bestimmte Prozedur des Waschens oder Filterns des eher rötlichen Tons dieser Region konnte sogenannte „weiße Ware“ produziert werden, die im 12. und frühen 13. Jahrhundert besonders beliebt war. Dies sollte die Antwort auf die überregional gehandelte „Pingsdorfer Ware“ sein. Eine Zeit lang konnte sich Fredelsloh damit am Markt halten. Jedoch war das Herstellen des weißen Tons zum Teil nicht sehr einfach oder verlässlich, sodass erst mit dem Aufkommen der dunkleren Keramik im Laufe des 13. Jahrhunderts die eigentliche Blütezeit Fredelslohs beginnt.

Durch die besondere Zusammensetzung des Tons konnte zum einen sehr dichte und hitzebeständige Ware hergestellt werden. Ein Vergleichsversuch mit Ton aus einer anderen Region zeigt eindrucksvoll den Unterschied: Zwei gleiche Gefäße aus jeweils anderem Ton wurde übereinanderstehend bei derselben Temperatur gebrannt. Während der Fredelsloher Ton eine sehr harte, hochglänzende, öl- und wasserdichte Oberfläche bildet, ist das andere Gefäß bei dieser hohen Temperatur weich geworden und hat sich verformt. Hitze und Luftzufuhr sind, so haben wir vom Töpfer gelernt, sozusagen Variablen, mit denen sich die Eigenschaften eines Keramikgefäßes „einstellen“ lassen. Wird bei geringer Hitze gebrannt, so bleibt der Ton recht porös und das Eisen blüht noch nicht aus. Es entsteht also ein Gefäß, welches eher bräunlich aussieht und eher wasserdurchlässig ist. Wird die Brenntemperatur erhöht, so beginnt das Eisen auszublühen. Die Porosität nimmt ab. Man erhält so ein eher rötliches, aber noch mattes Produkt, welches Flüssigkeit länger halten kann (z.B. für Trinkbecher). Bei höchster Temperatur oxidiert der Eisenanteil und die Porosität „verschwindet“ nahezu. Die so hergestellten Gefäße eignen sich besonders gut für die langfristige Aufbewahrung von Flüssigkeiten (im Fundgut von Fredelsloh werden solche Töpfchen als „Salbgefäße“ angesprochen). Diese Objekte sind eher dunkelbraun und hochglänzend. Diese Ergebnisse werden bei „normaler“ Luftzufuhr produziert. Unterbindet man diese, so erhält man den sogenannten „Schwarzbrand“. Diese Gefäße haben die zuvor beschriebenen Eigenschaften und unterscheiden sich nur durch ihre aschig-schwarze Farbe. Der Glanz bei hochgebrannter Schwarzer Ware erinnert an einen silbrig schimmernden Graphitüberzug.

Auch bei der Fredelsloher Ware gibt es den sogenannten „Ascheanflug“. Wird ein Teil eines Gefäßes im Brennprozess mit Asche bedeckt, so ergibt sich im Endergebnis eine unterschiedliche Färbung an dieser Stelle. Gegen Ende des 13. Jahrhunderts wird dies besonders modisch.

Da bestimmte Farbspiele, die mit dem Aufkommen der Siegburger Keramik immer beliebter wurden, mit dem Fredelsloher Ton kaum mehr in der nachgefragten Menge herstellbar waren, nimmt mit dem 14. Jahrhundert die überregionale Bedeutung des ehemalig so erfolgreichen Standorts im Solling immer weiter ab.

Dennoch wird weiter produziert. Abnehmer sind vor allem das vor Ort befindliche Damenstift und andere in der Region Ansässige, die Gebrauchskeramik benötigten.

Insbesondere die kleineren Gefäße sind Auftragsarbeiten für das benachbarte Damenstift gewesen.

Im 15. Jahrhundert begann man auch in Fredelsloh, die Keramik zu glasieren. Im Stile der Werraware wurde mit Malhorn die Bleiglasur aufgebracht. Aber auch dies stellte eine regionale Spezialität dar, die eher zu lokalem Erfolg führte. In der Ausstellung im Keramik.um wird deutlich, dass es darauffolgend eine recht große „Lücke“ gibt, bis sich im 18. und 19. Jahrhundert die Produktion vor allem auf Vorratskrüge und Milchschalen beschränkte. Mit der Industrialisierung sahen sich dann Töpfer überall im Land dazu gezwungen, nur noch Blumentöpfe, Rohrleitungen und Isolatoren zum Teil halbmaschinell in Masse herzustellen. Dies war letztendlich auch das „Schicksal“ von Fredelsloh. Heute gibt es eine Hand voll Kunsttöpfereien vor Ort, die das alte Handwerk wieder aufleben lassen.

Einkaufstour

Was nun die neue Keramik für Nienover betrifft, so kann man bei Herrn Klett sprichwörtlich aus dem Vollen schöpfen. Nahezu alles, was man an Repliken bei ihm kaufen kann, kann ohne Probleme belegsnah für das Haus verwendet werden. Am Ende haben wir uns für einen Krug, zwei Kannen (mit Deckel), zwei große Ausgussschalen, mehrere Kugeltöpfe, einen Mörser mit Pistill und eine das 6er-Set wieder vervollständigende kleine Pfanne entschieden. Dazu kommen dann noch frisch hergestellt ein Set Kelchbecher, einige Deckel für vorhandene Töpfe und eventuell eine Aquamanile.

Natürlich kann man aus diesem Paradies nicht rausgehen, ohne noch einmal für die eigene Darstellung einzukaufen. Wie schön, wenn die Formensprache in der Gebrauchskeramik in Südniedersachsen nachweisbar vom 13. bis ins 16. Jahrhundert nahezu unverändert geblieben ist. Und so wanderten neben einigen anderen Stücken zum Beispiel eine Feldflasche, ein Dreibeinpfännchen, ein Kerzenständer und eine Hand voll Murmeln ins eigene Inventar.

Alles in allem war es ein sehr lehrreicher Tag, der uns allen sehr viel Spaß gemacht hat. Wir freuen uns schon sehr auf die neue Saison mit einem nun wieder aufgestockten Hausinventar für alle, die das Haus be- und erleben!

Literatur

Künzel, Thomas: Die Stadtwüstung Nienover im Solling. Auswertung der Befunde zu Stadttopographie, Hausbau und Stadtbefestigung im 13. Jahrhundert. Materialhefte zur Ur- und Frühgeschichte Niedersachsens 40, Leidorf 2010.

http://kulturerbe.niedersachsen.de/viewer/kultureinrichtungen/isil_DE-MUS-974416/

Flüeler, Niklaus [Hrsg.]: Stadtluft, Hirsebrei und Bettelmönch: Die Stadt um 1300. Katalog zur Ausstellung, Stuttgart 1993.

Kruse, Karl Bernhard: Küche, Keller, Kemenate – Alltagsleben auf dem Domhof um 1600. Katalog zur Ausstellung der Kirchlichen Denkmalpflege im Zusammenarbeit mit dem Diözesan-Museum Hildesheim, Hildesheim 1990.

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